Montage – Du denkst an den Plural des Wochentags und ich an die Montage eines IKEA-Regals.
Theoretisch ist unser Hirn ist zu Großem fähig – Graham Rawlinson wies 1976 nach, dass die Stellung einzelner Buchstaben in der Wortmitte eher nebensächlich ist, solange der erste und der letzte Buchstabe an der richtigen Stelle stehen. Ihr kennt das ja sicher von diversen Facebook-Postings: „Nur fünf Prozent aller Menschen können das lesen. Wenn Du es auch kannst, bist Du oberschlau. Teile es nur, wenn Du schlau bist.“ Goodness, es fallen immer noch Leute darauf rein. Fakt ist: Die Meisten können es lesen, denn das Hirn bastelt sich den zu erwartenden Text zusammen. Es kommt aber immer wieder vor, dass uns ein Wort im ersten Moment fremd erscheint oder wir das Wort aus seinem Kontext herausgelöst lesen, sodass die grauen Zellen eine Neuinterpretation eines Wortes schaffen, indem sie die Wortbetonung verändern.
Liest Du manchmal Spielanleitungen und betonst die Überschrift falsch, sodass statt der Erklärung für das Spiel-Ende nun scheinbar Regeln für Spielende folgen? Auch in Speisekarten findet sich dank falscher Betonung und Wortteilung allerhand: Schwein-Elendchen mit Ofener-Däpfeln und Kürbiscremesuppe mit Ober-Stupf. Ein Klassiker: Drei Stück Palat-Schinken.
Schwein-Elendchen mit Ofener-Däpfeln und Kürbiscremesuppe mit Ober-Stupf.
Vielleicht hast Du auch diese Begriffe schon einmal falsch gelesen und Dich gefragt, welch sonderbare Tierarten es gibt: Blumento-Pferde, Tal-Ente und den Spezi-Fisch. Es riecht eher eigenwillig, wenn man am Aroma-Tisch vorbeigeht und wenn sich die Fleischerei ein neues Auto kauft, fragt man sich, wie viel Platz wohl in so einem Tran-Sportwagen eigentlich ist.
Ein Kind, das erstmals vom Urin-stinkt hört oder das Wort Nachti-schlampe lesen soll, wird aller Wahrscheinlichkeit eine Neuschöpfung daraus machen. Die Demonstranten, die mit ihren Tran-sparenten den Ring entlang ziehen, lassen große Fragezeichen über Kinderköpfen entstehen. Und was bitte sind Zwergel-stern, die Stiefen-kelchen, ein Hinster-bender oder Klein-stabrisse? Im Vorbeifahren glaubt man leicht einmal, dass über dem Geschäft Baran-kauf steht, aber warum in aller Welt wirbt irgendjemand mit Verkauf-shits?
Ein Kind, das erstmals vom Urinstinkt hört oder das Wort Nachtischlampe lesen soll, wird aller Wahrscheinlichkeit eine Neuschöpfung daraus machen.
Ist es Dir schon passiert, dass Du fest davon ausgingst ein deutsches, englisches oder französisches Wort zu lesen, das eigentlich ganz anders ausgesprochen wird? Versuchen wir es mal mit dem englischen Brathering oder dem französischen Federrand. Und jetzt lies mal beides auf Deutsch.
In der U-Bahn durfte ich einem Gespräch lauschen, bei dem einer seinem Freund erzählte, dass er „Feetl bedschierd“ gesehen hatte und das ein wahnsinnig spannender Film sei, den man sich einfach unbedingt ansehen müsse. „Feetl bedschierd?“, versuchte der Freund das im selben, wienerischen Englisch zu wiederholen, nein, den kannte er nicht. „Mit’n Kört Rassl (Kurt Russell)“. Und weil auch ich mir keinen Film, „den man sich unbedingt anschauen muss“ entgehen lassen kann, habe ich gegoogelt. Fatale Begierde. Den kenn ich schon.
Titelbild: pixabay, Michael Schwarzenberger